Grenznah – Gespräche in Plan und Tirschenreuth

Der Titel der Dokumentation „Grenznah – Gespräche in Plan und Tirschenreuth“ ist Programm. Ihr Autor, Jan Šícha, verliert den heimlichen Protagonisten seines Buches nie aus dem Blick – die Grenze und wie sie den Alltag in der Oberpfalz und im Egerland beeinflusste. Er hat Zeitzeugen gefunden, die Auskunft geben können über Jahrzehnte ihres Lebens in Plan und Tirschenreuth, also beiderseits des ehemaligen Eisernen Vorhangs. Die Gespräche entstanden im Rahmen des Projekts zur Gründung eines Museums sowie von Kultur- und Freizeiträumen im ehemaligen Münzhaus der Familie Schlick in Plan. Der Deutsch-Tschechische Zukunftsfonds ermöglichte ihre Dokumentation in deutscher und tschechischer Sprache. Für Zeitzeugeninterviews lesen sich die Texte ungewohnt flüssig und zeigen, wie erfolgreich Šícha seine Gesprächspartner nicht nur mit kenntnisreich vorbereiteten, sondern auch sehr einfühlsamen Fragen zum Erzählen brachte.

Als Erste kommt Markéta Novotná zu Wort, die als Archivarin einen besonderen Blick auf die Geschichte der Grenzregion hat. Weseritzer kennen sie als Autorin der Dokumentation zum 550. Jahrestag der Stadterhebung und der beiden Bände mit historischen Ansichtskarten. Im Gespräch mit Šícha wird deutlich, wie wichtig Novotná die Aufgabe ist, der Gegend ihre Erinnerungen zurückzugeben. Josef Staněk, der als Lehrer aus dem Schulbetrieb entlassen wurde, weil er den Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes im August 1968 kritisiert hatte, schildert sehr anschaulich, dass der Prager Frühling und die Samtene Revolution nicht nur in der fernen Hauptstadt, sondern auch in Plan stattgefunden haben. Einer ganz anderen Beschäftigung ging Jan Teplík nach: Er arbeitete unter anderem im Grenzsperrgebiet Hinterkottens im Uranbergbau und gründete später das Bergwerksmuseum in Plan. Michaela Mertlová geht auf die kommunistische Vergangenheit des Grenzbezirks ein und berichtet unter anderem über das Planer Krankenhaus, von dem es heiße, es sei wie an der Front gebaut – die Operationssäle in der Mitte des Gebäudes, damit man nur schwer in sie hineinschießen kann. Aber auch über die Mühen des privaten Hausbaus während des Kommunismus erfährt man von der späteren Mitbegründerin des Planer Bürgerforums. Zu Wort kommt auch Michaela Vrzalová, die Ehefrau des früheren Planer Bürgermeisters, die selbst Zeitzeugengespräche geführt hat. Petr Pilný, ein langjähriger Kunsttischler, hat unter anderem Restaurierungsarbeiten in der Mariä-Himmelfahrt-Kirche in Plan geleistet. Von Jiří Otta, einem Planer Förster, erfährt der Leser, dass der aus Asien stammende Sikahirsch den einheimischen Rothirsch zunehmend aus den Wäldern verdrängt und beide Arten sich sogar kreuzen. Den Namen „Dr. Popov“ bringt man in Tschechien mit dem Slogan „Freund Ihrer Gesundheit“ in Verbindung. Der mit Natur- und Kräuterprodukten erfolgreiche Inhaber dieser Planer Firma, Pavel Popov, betont die Bedeutung einer individuellen unternehmerischen Mission. Ein ausführliches Gespräch hat Šícha mit dem Künstler Jan Knap geführt, der aus seinem – auch geographisch – bewegten Leben erzählt. Den Wunsch, Priester zu werden, hatte er aufgegeben und begann mit der Malerei: „Ich malte ein Bild, auf dem die Jungfrau Maria bügelt und das Jesuskind unten unter dem Bügelbrett spielt. Ein Gynäkologe kaufte es und hängte es in seinem Wartezimmer auf. Meine künftige Frau sah das Bild und kam, um mich kennenzulernen.“

Plan – Blick vom Schlossteich auf die ehemalige Volks- und Bürgerschule

In Tirschenreuth sprach Šícha mit Eberhard Polland, der zunächst alte Fotos aus der Stadt zusammengetragen hat und inzwischen die ehrenamtliche Funktion des Stadtheimatpflegers ausübt. Ingrid Leser und ihre wenige Wochen nach dem Interview mit Šícha verstorbene Mutter Hildegard Leser geben in einem gemeinsamen Gespräch Einblicke in das Leben in Plan vor der Vertreibung, über die schwierige Zeit nach dem Krieg und die Planer und Mähringer Anna-Wallfahrten. Über die Erfolgsgeschichte und die sichtbaren Spuren der Vertriebenen in Tirschenreuth berichtet Horst Adler, der selbst aus Asch stammt. Margret Schels, die am Marktplatz eine Metzgerei betreibt, antwortet auf die Frage, warum sie keinen Urlaub macht: „Meine Kunden würden einen Herzinfarkt bekommen“ und fasst damit eine fast verschwundene Philosophie kleiner Familienunternehmen zusammen. Um die Instandsetzung der Planer Annakirche geht es in Šíchas Gespräch mit dem ehemaligen Grenzpolizisten Herbert Konrad. Florian Winklmüller, Jesusdarsteller in den Tirschenreuther Passionsspielen, schildert seine Schwierigkeiten als zugezogener Langhaariger in den sechziger Jahren. Man liest dies als spannenden Kontrast zu den vorgenannten tschechischen Lebenserfahrungen aus derselben Zeit – das Jahr 1968 hüben und drüben. Als Rückkehrer leitet der Journalist Ludwig Bundscherer derzeit die Tourismus-Information der Stadt Tirschenreuth und das MuseumQuartier. In seinen Ausführungen über Heimat bemerkt er, in Tschechien oft nur Steak und Pizza anstatt Tachauer Hammelfleisch oder einen Hirsch aus Plan auf einer Speisekarte zu finden. Zum Museum des Heimatkreises Plan-Weseritz, das eine Abteilung des Museumsquartiers ist, betont er dessen versöhnlichen Charakter als Voraussetzung für eine gute Nachbarschaft. Schließlich kommt noch Peter Brückner zu Wort, der Architekt des Centrums Bavaria Bohemia in Schönsee sowie des Umbaus des Tirschenreuther Marktplatzes. Er steht für eine Architektur, in der Philosophie und Pragmatismus zusammenfinden, Stein und Mensch sozusagen.

Jan Šícha widmet die Dokumentation allen, die an der Grenze starben, auch allen, die über diese Grenze in den Zügen in die Konzentrationslager oder bei der erzwungenen Aussiedlung nach dem Krieg hin- und hergefahren sind. Entstanden ist ein Zeugnis der regionalen Geschichte, das teils trotz, teils wegen der historischen Veränderungen Zuversicht für das Egerland und die Oberpfalz vermittelt. Das Portal bbkult.net veröffentlicht schrittweise alle 18 Gespräche aus diesem Buch.

Der Beitrag ist im Heimatbrief für die Bezirke Plan-Weseritz und Tepl-Petschau, Dezember 2019, erschienen

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