Das Pfarrhaus in Böhmisch-Domaschlag

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Eines kann man den Pfarrern in Böhmisch-Domaschlag/Domaslav nicht vorwerfen, nämlich dass sie Duckmäuser gewesen wären. Bereits im 15. Jahrhundert verlor Pfarrer Marschik seine Stelle, weil er die Glaubenslehre des Theologen, Predigers und Reformators Jan Hus verbreitete. Nach der deutschen Annexion im vergangenen Jahrhundert hielt Pfarrer Womes die Kinder an, auf christliche Weise zu grüßen, anstatt den Hitler-Gruß zu zeigen. Er hielt sich nicht an ein daraufhin erlassenes Verbot, Religion zu unterrichten, und wandte sich in seinen Predigten gegen die schlechte Behandlung der Tschechen durch das Regime. Im Sommer 1940 wurde er denunziert, von der Gestapo verhaftet und im darauffolgenden Frühjahr nach Dachau deportiert. Nach der Vertreibung, im Jahr 1947, kam der engagierte Pfarrer Hradecký nach Böhmisch-Domaschlag – er gründete ein beliebtes Amateurtheater und begeisterte die neuen Bewohner mit Fußball. Als Gegner des kommunistischen Regimes musst er jedoch bereits 1952 die Gemeinde verlassen. Seinen unmittelbaren Nachfolger nannte man den „Mechanikpfarrer“ wegen seiner Vorliebe für Motorräder. In den sechziger Jahren schließlich kam Pfarrer Španihel in das lange verwaiste Pfarrhaus. Man hatte ihn aus denselben Gründen nach Böhmisch-Domaschlag verbannt, wie man Hradecký zuvor von dort weggeschickt hatte – wegen kritischer Äußerungen über das Regime.

Sankt-Jakobs-Kirche in Böhmisch Domaschlag 2018

Später, in den achtziger Jahren, betreute Pfarrer Chroust die Gemeinde und entwickelte das Pfarrhaus zu einem Treffpunkt für junge Menschen. Er galt – gemessen an der damaligen Zeit – als ziemlich alternativ und war schon deshalb unbequem, weil er junge, oft unangepasste Leute begeistern und zusammenbringen konnte. Das hatte zwar auch ihm die Versetzung nach Böhmisch-Domaschlag eingebracht, aber die jungen Menschen aus den größeren Städten folgten Chroust trotzdem. Sie kehrten immer wieder zurück, auch als der Pfarrer schon nicht mehr in dem Ort tätig war. An die Gemeinschaft, die daraus entstand, knüpfte – ausgehend von einer Idee des Bistums – der Verein Cantate an. Er sollte für leerstehende Gebäude in der Region eine sinnvolle Nutzung finden. Cantate richtete das Pfarrhaus als Veranstaltungs- und Erholungsort für Kinder und Jugendliche, hauptsächlich aus Pilsen/Plzeň, neu aus. Die Gäste entwickelten gleichzeitig ein wachsendes Interesse an der Gegend und ihrer vielfältigen Geschichte.

Cantates Aufgaben in Böhmisch-Domaschlag führte schließlich der Verein o. s. Domaslav fort, der sich im Jahr 1998 gründete. Die Mitglieder kümmern sich bis heute um die Jakobus-Kirche und das Pfarrhaus und organisieren eine Reihe von Kulturveranstaltungen. So finden regelmäßig Literaturtage sowie Aktionen von Landschaftskünstlern statt. Viele waren schon als Kinder regelmäßig in diesem Ort, zum Beispiel im Rahmen von Freizeitaktivitäten oder Ferienlagern. Seit Jahren bemüht sich der Verein um Fördermittel für die Renovierungsarbeiten. Im Jahr 2006 sprang zunächst der von der Bürgermeisterin aus Wolfersdorf/Olbramov, Válová, gegründete Verein Pomozme si sami (Helfen wir uns selbst) ein, später kamen Fördermittel auch vom tschechischen Kulturministerium – allerdings so wenig, dass immer nur ein kleiner Teil des völlig desolaten Dachs repariert werden konnte. So geht das heute noch, an einer Stelle wird repariert, an einer anderen nagt weiter der Zahn der Zeit. Doch die Fortschritte – zum Beispiel das schmucke, rote Dach des Kirchturms – sind nicht zu übersehen. Selbstzweck ist die Renovierung der Kirche nicht, vielmehr geht es dem Verein auch darum, die Versöhnung zwischen den Böhmen deutscher und tschechischer Zunge voranzubringen.

Altarraum der Sankt-Jakobs-Kirche in Böhmisch Domaschlag 2018

Zunächst mussten die Mitglieder des Vereins den Schlüssel zum Pfarrhaus, in dem schon lange kein Pfarrer mehr wohnt, noch in der Diözesanverwaltung ausleihen. Inzwischen gehört es dem Verein. Der Pilsener Bischof Radkovský hatte sich für den Übergang des Eigentums eingesetzt, bevor er im Jahre 2016 emeritierte. Auf den Verein kam damit eine große Verantwortung zu. Das Pfarrhaus wird schließlich weiterhin von Pfadfindern und Schulkindern für Freizeiten genutzt. Hier können die Kleinen malen und töpfern und es darf auch einmal etwas danebengehen – es ist eben kein feines Hotel. Ganz nebenbei setzen sich die Kinder auch mit der Region und ihrer Geschichte auseinander. Es mag merkwürdig klingen, aber alleine schon der Besuch der alten Kirche ist für sie zumeist etwas Unbekanntes und Abenteuerliches. Das Gebäude kann man für Gruppen übrigens auch mieten.

Innenansicht aus der Sankt-Jakobs-Kirche in Böhmisch Domaschlag 2018

Im Sommer wird das Pfarrhaus während der Wochenenden oft von bis zu zwanzig Vereinsmitgliedern belebt. Anfangs kamen sie vom Bahnhof in Kokaschitz/Kokašice noch zu Fuß hier herauf, mittlerweile mit Fahrzeugen direkt aus Pilsen. Viele haben inzwischen Familien gegründet und bringen – neben Werkzeugen und anderen Utensilien für die Arbeiten am Pfarrhaus und in der Kirche – auch ihre Kinder mit. So kommt auch außerhalb der Freizeiten wieder Leben in den kleinen Ort, in dem heute nicht einmal ein Zehntel der Einwohnerzahl vor der Vertreibung erreicht wird. Auch wenn es wenige sind, musste sich das Verhältnis zu den Pilsener Neuankömmlingen erst einmal einspielen. Gefallen hat es hier auch jungen tschechischen Musikern aus der Umgebung (Lidová muzika z Chrástu – Volksmusik aus Chrast), die in der Landschaft um Böhmisch-Domaschlag, die sie immer wieder besuchen, einen kleinen, aber flotten Musikfilm gedreht haben.

Lidová muzika z Chrástu – Volksmusik aus Chrast

Der Kontakt der ehemaligen deutschen Bewohnern nach Böhmisch-Domaschlag war nie wirklich abgerissen. Einzelne Verbindungen bestanden auch während des Kommunismus, wenngleich natürlich nicht so offen wie heute. Im Jahr 2007 fand das erste „Treffen/Setkání“ statt – eine Zusammenkunft des Vereins mit ehemaligen und heutigen Domaschlagern. Zwei Jahre später setzten sich Jugendliche aus dem Grenzgebiet zwei Wochen lang mit Gegenwart und Geschichte des Ortes und der Region auseinander. Zu dem Projekt, das in Kooperation mit der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste e. V. durchgeführt wurde, gehörten neben umfangreichen Instandhaltungsarbeiten auch eine Reihe von Gesprächen der jungen Menschen mit den ehemaligen und heutigen Bewohnern sowie eine Ausstellung. Die aufschlussreichen und ansprechend illustrierten Interviews sind in dem Bändchen „Jako doma – wie zu Hause“ nachzulesen, das im Internetangebot des Vereins (http://www.domaslav.cz) veröffentlicht ist.

Das Pfarrhaus in Böhmisch Domaschlag 2018

Das „Treffen/Setkání“ findet weiterhin jeden Sommer statt – stets an einem Sonnabend um den Festtag des Gemeindepatrons Jakobus. Die Zahl der ehemaligen deutschen Bewohner, die daran teilnehmen, wird immer geringer, dafür toben die Kinder der Vereinsmitglieder durch den großzügigen Garten des Pfarrhauses. Der freundliche und zugewandte Pfarrer Šašek aus Plan/Planá zelebriert die zweisprachige Heilige Messe zur Eröffnung des Treffens. Wäre Gottes Bodenpersonal überall so aufgestellt, so bemerkte eine Teilnehmerin beim letzten Mal, würden der katholischen Kirche auch weniger Gläubige weglaufen. Böhmisch-Domaschlag zieht offenbar engagierte Menschen geradezu an, seien es Pfarrer, Jugendliche, Einwohner oder Besucher. Das alte Pfarrhaus jedenfalls liegt mitten im Zentrum dieses Magnetfeldes.

Der Beitrag ist im Heimatbrief für die Bezirke Plan-Weseritz und Tepl-Petschau, Feber 2020, erschienen

Grenznah – Gespräche in Plan und Tirschenreuth

Der Titel der Dokumentation „Grenznah – Gespräche in Plan und Tirschenreuth“ ist Programm. Ihr Autor, Jan Šícha, verliert den heimlichen Protagonisten seines Buches nie aus dem Blick – die Grenze und wie sie den Alltag in der Oberpfalz und im Egerland beeinflusste. Er hat Zeitzeugen gefunden, die Auskunft geben können über Jahrzehnte ihres Lebens in Plan und Tirschenreuth, also beiderseits des ehemaligen Eisernen Vorhangs. Die Gespräche entstanden im Rahmen des Projekts zur Gründung eines Museums sowie von Kultur- und Freizeiträumen im ehemaligen Münzhaus der Familie Schlick in Plan. Der Deutsch-Tschechische Zukunftsfonds ermöglichte ihre Dokumentation in deutscher und tschechischer Sprache. Für Zeitzeugeninterviews lesen sich die Texte ungewohnt flüssig und zeigen, wie erfolgreich Šícha seine Gesprächspartner nicht nur mit kenntnisreich vorbereiteten, sondern auch sehr einfühlsamen Fragen zum Erzählen brachte.

Als Erste kommt Markéta Novotná zu Wort, die als Archivarin einen besonderen Blick auf die Geschichte der Grenzregion hat. Weseritzer kennen sie als Autorin der Dokumentation zum 550. Jahrestag der Stadterhebung und der beiden Bände mit historischen Ansichtskarten. Im Gespräch mit Šícha wird deutlich, wie wichtig Novotná die Aufgabe ist, der Gegend ihre Erinnerungen zurückzugeben. Josef Staněk, der als Lehrer aus dem Schulbetrieb entlassen wurde, weil er den Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes im August 1968 kritisiert hatte, schildert sehr anschaulich, dass der Prager Frühling und die Samtene Revolution nicht nur in der fernen Hauptstadt, sondern auch in Plan stattgefunden haben. Einer ganz anderen Beschäftigung ging Jan Teplík nach: Er arbeitete unter anderem im Grenzsperrgebiet Hinterkottens im Uranbergbau und gründete später das Bergwerksmuseum in Plan. Michaela Mertlová geht auf die kommunistische Vergangenheit des Grenzbezirks ein und berichtet unter anderem über das Planer Krankenhaus, von dem es heiße, es sei wie an der Front gebaut – die Operationssäle in der Mitte des Gebäudes, damit man nur schwer in sie hineinschießen kann. Aber auch über die Mühen des privaten Hausbaus während des Kommunismus erfährt man von der späteren Mitbegründerin des Planer Bürgerforums. Zu Wort kommt auch Michaela Vrzalová, die Ehefrau des früheren Planer Bürgermeisters, die selbst Zeitzeugengespräche geführt hat. Petr Pilný, ein langjähriger Kunsttischler, hat unter anderem Restaurierungsarbeiten in der Mariä-Himmelfahrt-Kirche in Plan geleistet. Von Jiří Otta, einem Planer Förster, erfährt der Leser, dass der aus Asien stammende Sikahirsch den einheimischen Rothirsch zunehmend aus den Wäldern verdrängt und beide Arten sich sogar kreuzen. Den Namen „Dr. Popov“ bringt man in Tschechien mit dem Slogan „Freund Ihrer Gesundheit“ in Verbindung. Der mit Natur- und Kräuterprodukten erfolgreiche Inhaber dieser Planer Firma, Pavel Popov, betont die Bedeutung einer individuellen unternehmerischen Mission. Ein ausführliches Gespräch hat Šícha mit dem Künstler Jan Knap geführt, der aus seinem – auch geographisch – bewegten Leben erzählt. Den Wunsch, Priester zu werden, hatte er aufgegeben und begann mit der Malerei: „Ich malte ein Bild, auf dem die Jungfrau Maria bügelt und das Jesuskind unten unter dem Bügelbrett spielt. Ein Gynäkologe kaufte es und hängte es in seinem Wartezimmer auf. Meine künftige Frau sah das Bild und kam, um mich kennenzulernen.“

Plan – Blick vom Schlossteich auf die ehemalige Volks- und Bürgerschule

In Tirschenreuth sprach Šícha mit Eberhard Polland, der zunächst alte Fotos aus der Stadt zusammengetragen hat und inzwischen die ehrenamtliche Funktion des Stadtheimatpflegers ausübt. Ingrid Leser und ihre wenige Wochen nach dem Interview mit Šícha verstorbene Mutter Hildegard Leser geben in einem gemeinsamen Gespräch Einblicke in das Leben in Plan vor der Vertreibung, über die schwierige Zeit nach dem Krieg und die Planer und Mähringer Anna-Wallfahrten. Über die Erfolgsgeschichte und die sichtbaren Spuren der Vertriebenen in Tirschenreuth berichtet Horst Adler, der selbst aus Asch stammt. Margret Schels, die am Marktplatz eine Metzgerei betreibt, antwortet auf die Frage, warum sie keinen Urlaub macht: „Meine Kunden würden einen Herzinfarkt bekommen“ und fasst damit eine fast verschwundene Philosophie kleiner Familienunternehmen zusammen. Um die Instandsetzung der Planer Annakirche geht es in Šíchas Gespräch mit dem ehemaligen Grenzpolizisten Herbert Konrad. Florian Winklmüller, Jesusdarsteller in den Tirschenreuther Passionsspielen, schildert seine Schwierigkeiten als zugezogener Langhaariger in den sechziger Jahren. Man liest dies als spannenden Kontrast zu den vorgenannten tschechischen Lebenserfahrungen aus derselben Zeit – das Jahr 1968 hüben und drüben. Als Rückkehrer leitet der Journalist Ludwig Bundscherer derzeit die Tourismus-Information der Stadt Tirschenreuth und das MuseumQuartier. In seinen Ausführungen über Heimat bemerkt er, in Tschechien oft nur Steak und Pizza anstatt Tachauer Hammelfleisch oder einen Hirsch aus Plan auf einer Speisekarte zu finden. Zum Museum des Heimatkreises Plan-Weseritz, das eine Abteilung des Museumsquartiers ist, betont er dessen versöhnlichen Charakter als Voraussetzung für eine gute Nachbarschaft. Schließlich kommt noch Peter Brückner zu Wort, der Architekt des Centrums Bavaria Bohemia in Schönsee sowie des Umbaus des Tirschenreuther Marktplatzes. Er steht für eine Architektur, in der Philosophie und Pragmatismus zusammenfinden, Stein und Mensch sozusagen.

Jan Šícha widmet die Dokumentation allen, die an der Grenze starben, auch allen, die über diese Grenze in den Zügen in die Konzentrationslager oder bei der erzwungenen Aussiedlung nach dem Krieg hin- und hergefahren sind. Entstanden ist ein Zeugnis der regionalen Geschichte, das teils trotz, teils wegen der historischen Veränderungen Zuversicht für das Egerland und die Oberpfalz vermittelt. Das Portal bbkult.net veröffentlicht schrittweise alle 18 Gespräche aus diesem Buch.

Der Beitrag ist im Heimatbrief für die Bezirke Plan-Weseritz und Tepl-Petschau, Dezember 2019, erschienen

Wiederentdeckte Schätze im Sudetenland

Meine ersten Fahrten in die Heimat meiner Großeltern unternahm ich in den neunziger Jahren. Obwohl ich damals natürlich längst in Farbe fotografiert habe, versprühen meine Aufnahmen den Charme verstaubter Schwarz-Weiß-Bilder. Ich hatte das Gefühl, tiefe Traurigkeit hätte sich in dieser doch so schönen Grenzlandschaft eingenistet. Die meisten Bewohner schienen sich nicht sonderlich für ihre Umgebung zu interessieren. Dass es auch damals schon andere Beispiele gab, war meiner Aufmerksamkeit entgangen. Inzwischen ist dies aber nicht mehr zu übersehen. Anders als in vielen Organisationen der Vertriebenen in Deutschland stellen sich in Böhmen vor allem junge Menschen der Teilnahmslosigkeit entgegen. Zahlreiche örtliche Initiativen engagieren sich inzwischen nicht zuletzt im Egerland für eine Region, die längst auch ihre Heimat ist. Ein Beispiel ist das Zentrum für kommunale Arbeit Westböhmen.

In den letzten Jahren hat das Zentrum für kommunale Arbeit Westböhmen drei umfangreiche Dokumentationen zum westböhmischen Grenzgebiet herausgegeben: „Lebendes Gedächtnis der Sudeten“ (2011), „Geschichten aus dem Sudetenland“ (2013) und „Wiederentdeckte Schätze im Sudetenland“ (2018). Die Bände entstanden in Zusammenarbeit mit der Volkshochschule im Landkreis Cham e. V. Alle drei Publikationen bieten anschauliche Einblicke in die Geschichte und Gegenwart Westböhmens.

Das „Lebende Gedächtnis der Sudeten“ stellt Interviews mit Zeitzeugen in den Mittelpunkt. Die Gespräche wurden mit ursprünglichen deutschen Bewohnern Westböhmens, Zeitzeugen aus rein deutscher Umgebung sowie mit solchen aus gemischt tschechisch-deutschen Familien durchgeführt. Zudem enthält der Band Erlebnisberichte von Menschen, deren Umfeld rein tschechisch war. Der Leser begegnet untergegangen Orten, dem Bergbau im Grenzgebiet und der Neubesiedlung des Sudetenlands durch die unterschiedlichsten Bevölkerungsgruppen. Die Zeitzeugen berichten über ihre grenzübergreifenden Kontakte, die den Kalten Krieg überdauerten, und über ihr Engagement für die Sanierung von Kulturdenkmalen. Der regionale Fokus des Bandes liegt im Umkreis von Tachau, Mies, Staab, Bischofteinitz sowie im Oberpfälzer Wald; sein Untertitel lautet: „Lebensgeschichten der Zeitzeugen aus Westböhmen“.

Gewissermaßen eine Fortsetzung im Sinne dieses Untertitels sind die „Geschichten aus dem Sudetenland“. Wiederum führten die Autoren Interviews mit Vertriebenen, Verbliebenen und Neusiedlern, unter anderem mit sogenannten Reimmigranten, deren Familien nach dem Zweiten Weltkrieg dem Ruf der damaligen tschechoslowakischen Regierung folgten, aus der Ukraine oder Polen nach Westböhmen zu kommen. Die Berichte dieser Zeitzeugen verdeutlichen, vor welche Herausforderungen die großen geschichtlichen Ereignisse sie alle stellten. An die Interviews schließt sich ein Kapitel an, das die gesammelten Geschichten in den historischen Kontext seit dem Zerfall der Donaumonarchie einbindet. Die Autoren verstehen die Publikation als Beitrag zur Wiederentdeckung der Häuser, Gemeinden und Landschaften, die über viele Generationen von Böhmen beiderlei Zunge errichtet wurden. Ihre Hoffnung ist es, das Interesse der Menschen an Geschichte und Gegenwart der Region zu steigern und ein neues Band zwischen ihnen und dem Ort, an dem sie leben, zu knüpfen.

Eine ganz andere Perspektive nimmt der jüngste Band „Wiederentdeckte Schätze im Sudetenland“ ein. Hier geht es nicht primär um individuelle Erinnerungen, sondern vielmehr um einzelne Kulturdenkmale und Traditionen Westböhmens. Die Projektpartner haben sechs solcher Sehenswürdigkeiten und Traditionen dokumentiert, die in den letzten Jahren wieder zu neuem Leben gelangt sind. Ihnen ist es gelungen, auf beiden Seiten der Grenze Menschen zu finden, die sich der Wiederbelebung des kulturellen Erbes widmen. Konkret geht es um die Wallfahrtskirche Maria Stock bei Luditz, die verschwundenen Orte Grafenried und Haselbach, die Bergsynagoge in Hartmanitz, die Wallfahrtskirche St. Anna bei Plan, die Passionsspiele in Höritz im Böhmerwald und um die Kirche zur Schmerzhaften Muttergottes in Hammern. Auch das Adalbert-Stifter-Museum in Oberplan und das Kloster der Prämostrantenserinnen in Chotieschau haben Eingang in die Dokumentation gefunden. Der Ort Neumarkt mit seiner renovierten Barockorgel und den historischen Häusern am Marktplatz, für deren Erhalt sich ein örtlicher Verein engagiert, wird ebenso vorgestellt, wie eine langjährige Initiative rund um das Pfarrhaus und die St.-Jakobs-Kirche in Böhmisch-Domaschlag. Diesen Fallbeispielen ist eine soziologische Studie vorangestellt. Sie beschreibt auch für Nicht-Soziologen sehr anschaulich, weshalb das Sudetenland geworden ist, wie es sich heute eben darstellt. Außerdem begründet sie, weshalb die Autoren das Kulturerbe als Entwicklungsfaktor im Grenzgebiet betrachten.

Alle drei Bände sind sowohl in deutscher als auch in tschechischer Sprache verfasst. Die zugehörigen Wanderausstellungen können von Organisationen und Vereinen über die Projektpartner angefragt werden. Auf der Internetseite https://schaetze.cpkp-zc.cz lassen sich sowohl die Bücher als auch Ansichten der Ausstellungstafeln als PDF-Dateien herunterladen.

Es bleibt zu hoffen, dass die Arbeit der vielen Vereine und Initiativen und das Engagement des Zentrums für kommunale Arbeit Westböhmen dazu beitragen, dass noch zahlreiche weitere Schätze geborgen werden.

Der Beitrag ist im Heimatbrief für die Bezirke Plan-Weseritz und Tepl-Petschau, Juni 2019, erschienen.

Neumarkter Bürgerverein rettet Kulturerbe

Wer von Hangendorf (Olešovice) kommend durch Neumarkt (Úterý) fährt, kann ein großformatiges Banner nicht übersehen: „Jsem na spadnutí“ ist darauf zu lesen: „Ich stürze ein“. Die Schriftzeile wird ergänzt durch den Aufruf, die Rettung des Gebäudes zu unterstützen. Es geht um das direkt am historischen Marktplatz gelegene Haus Nr. 69.

Eckhaus in Neumarkt, 2017

Im Juli 2018 druckte der Heimatbrief einen bereits 1951 erschienen Beitrag über die Neumarkterin Anna Turba. Deren Ehemann hatte zu Lebzeiten eben jenes Haus Nr. 69 – das sogenannte „Eckhaus“ – als Gasthaus bewirtschaftet. Wegen des Handwerks, das sich früher darin befand, trug es die Bezeichnung „Beim Seifensieder“. Nach der Vertreibung der deutschböhmischen Neumarkter nannten die tschechischen Neuankömmlinge das Haus „Turbovna“ oder „Na Růžku“; es blieb lange unbewohnt und verfiel. Die landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft sowie ein Neumarkter Staatsgut verwendeten das Gebäude als Lagerraum. Später diente das Haus wechselnden Besitzern zu Erholungszwecken. Niemand vermochte die erforderliche Renovierung zu stemmen. Ein zerstörtes Dach, Wasserschäden, die Statik gefährdet – in den letzten Jahren war das Eckhaus mit seiner stolzen Geschichte nur noch eine Ruine, die zwischenzeitlich sogar aus Sicherheitsgründen gesperrt werden musste. Und das mitten in einer ausgewiesenen Denkmalzone.

Im Jahre 2015 kaufte der Neumarkter Bürgerverein Bart (Úterský spolek Bart) das für den Marktplatz so charakteristische Gebäude mit dem Ziel, die Instandsetzung nun endlich voranzutreiben. Seine engagierten Mitglieder wollten aber von Anfang an nicht nur ein Bauwerk erhalten, sondern einen Ort der Begegnung schaffen: ein Gemeindehaus mit Café, Infocenter und einer historischen Ausstellung in einem kleinen Museum. Letzteres soll dem Werdegang des Hauses und der wechselvollen deutsch-tschechischen Geschichte Neumarkts bzw. Úterýs Rechnung tragen.

Úterský spolek Bart

Zuerst galt es aber, das Gebäude wieder herzurichten. Durch ehrenamtliche Arbeit zahlreicher Freiwilliger sowie mithilfe von Spenden und eines Zuschusses der Pilsener Region gelang es in den ersten beiden Jahren, einen vom Einsturz bedrohten Torbogen zu reparieren und das Dach abzudichten. Das bereits erwähnte Banner diente dem Fundraising ebenso wie eine originelle und erfolgreiche Spendenaktion im Internet, die darin bestand, Spendern als Gegenleistung eine Kellerführung, ein T-Shirt mit dem Slogan „Ich stürze ein“ oder ein Buch über den gegenüber dem Eckhaus geborenen Kaspar Karl Reitenberger anzubieten. Auch Einnahmen aus kulturellen Veranstaltungen dienten der Finanzierung. Inzwischen konnten die ersten Sicherungsarbeiten in den umfangreichen Kellergewölben erfolgreich abgeschlossen werden. Es geht also voran. Die ersten Etappen auf dem Weg zu einem lebendigen Gemeindehaus sind geschafft. Aber auch für die weitere Arbeit ist Bart (Úterský spolek Bart) jede Unterstützung willkommen. Die Bankverbindung des Vereins für das Spendenkonto lautet: IBAN CZ03 0300 0000 0002 7050 7717, BIC (SWIFT) CEKOCZPP.

Der heutige Verein Bart wurde im Jahre 2000 als Bürgerinitiative gegründet. Anlass war die Renovierung der historischen Orgel in der Neumarkter Kirche St. Johannes der Täufer. Mithilfe von Spenden, eines Zuschusses des norwegischen Kulturfonds und tatkräftiger Unterstützung aus der Umgebung konnte die im Jahre 1720 von Johann Leopold Burckhardt gebaute Orgel rekonstruiert werden. Seit dem Jahre 2012 findet in jedem Sommer ein Orgelmeisterkurs statt: Eine Woche lang widmen sich Studenten internationaler Musikhochschulen unter Anleitung eines erfahrenen Dozenten der Interpretation barocker Orgelwerke. Den Beginn und den Abschluss markieren jeweils öffentliche Konzerte, die für Neumarkt ein seltenes, kulturelles Juwel darstellen. Als ich vor zwei Jahren eines dieser Konzerte besuchte, war ich doch sehr erstaunt, zwei Musikstudenten kennenzulernen, die an der Berliner Universität der Künste eingeschrieben waren – wenige Gehminuten von meiner Charlottenburger Wohnung entfernt. In diesem Jahr findet der Meisterkurs vom 19. bis zum 24. August unter Leitung von Professor Tobias Lindner (Schola Cantorum Basiliensis) statt; das traditionelle Abschlusskonzert mit den Teilnehmern ist für den 24. August anberaumt. Das Programm kann im Internet (http://mvk.utery.eu/) abgerufen werden.

Kirche St. Johannes der Täufer, Neumarkt, 2017

Bart organisiert in diesem Jahr darüber hinaus noch weitere Veranstaltungen in Neumarkt/Úterý:

4. Mai 2019: Neumarkter Wanderungen (12, 24 oder 30 km)

11. Mai. 2019: Oldtimer Wettbewerb

13. Juli 2019: Jahrmarkt

14. September 2019: B-ART – Familienfest mit Handarbeit und Kunst

Dass der heutige Bürgerverein Bart sich mit der Geschichte Neumarkts auskennt und das deutsche Kulturerbe der Grenzregion zu würdigen weiß, hat er als Bürgerinitiative auch im Jahre 2006 bewiesen. Mit Unterstützung der Gemeindebehörde und der Regionalbehörde legten die Mitglieder einen anderthalb Kilometer langen Lehrpfad an, auf dem man die bedeutendsten Gebäude des Städtchens ansteuern kann. Zehn Hinweistafeln informieren kenntnisreich in Wort und Bild über die frühere Nutzung der Häuser sowie über das tägliche Leben der Neumarkter vor der Vertreibung. Vom Marktplatz geht es unter anderem über das Pfarrhaus, die Kirche und die Brauerei bis hinauf zur Wenzelskapelle.

Aber zurück zu dem alten Haus am Markt. Úterý und das Eckhaus stehen bei Filmschaffenden seit Jahrzenten hoch im Kurs. Entdeckt wurde Neumarkt bereits im Jahre 1950 als Drehort für den Film „Zvony z rákosu“ („Glocken aus Schilf“). „Zdivočelá země“ („Verwildertes Land“), eine Langzeitserie des tschechischen Fernsehens, wurde seit 1997 über viele Jahre hier gedreht. Darin geht es um einem ehemaligen tschechischen Soldat, dessen Wunsch, sich im Grenzgebiet ein neues Leben aufzubauen, der Kommunismus nach dem Februarputsch 1948 zunehmend entgegensteht. Die einfühlsame Titelmusik einiger Staffeln singt übrigens die großartige Marta Kubišová. Viele Bewohner Úterýs haben als Statisten an der Serie mitgewirkt. Auch die in bundesdeutschen Lichtspielhäusern erfolgreich gelaufene deutsch-tschechisch-österreichische Koproduktion „Habermann“ („Habermannův mlýn“) mit Hannah Herzsprung und Ben Becker aus dem Jahre 2010 spielt teilweise in Neumarkt. Der jüngste dort gedrehte Film stammt aus dem vergangenen Jahr. In dem russischen, wenig subtilen Weltkriegsdrama von Aleksey Sidorov geht es um die Insassen eines deutschen Kriegsgefangenenlagers, die in einem halbzerstörten T-34 Panzer fliehen. So heißt auch das Werk: „T-34“. In all diesen Filmen erkennt man das alte Barockhaus; in „T-34“ sogar als Hintergrund für ein dramatisches Panzerduell. Es ist zum Filmstar geworden und Neumarkt zum tschechischen Hollywood.

Die Beliebtheit Úterýs als Drehort unterstreicht die Bedeutung des Denkmalschutzes. Schließlich kommen die Filmschaffenden gerade wegen der intakten Kulisse hierher, die sie sonst erst aufwendig erbauen müssten. Das Eckhaus ist Teil dieser Kulisse, Teil des historischen Erbes Böhmens. Dass der Bürgerverein Bart sich so vehement für seinen Erhalt engagiert, ist den Mitgliedern hoch anzurechnen. Deren Ziele liegen sicher auch den ehemaligen deutschen Bewohnern Neumarkts am Herzen.

Der Beitrag ist im Heimatbrief für die Bezirke Plan-Weseritz und Tepl-Petschau, Mai 2019, in verkürzter Form erschienen.

Die Gräber unserer Vorfahren im Internet

Mehr noch als vom Tod künden Grabsteine vom Leben der Verstorbenen – Geburtstag, Bilder, Berufe, Wohnorte. Auf dem Friedhof wird eben auch, wenn nicht sogar vor allem, an die Zeit vor der Beisetzung gedacht. Beth-Hachajim – Haus des Lebens heißt der Friedhof nicht umsonst im Hebräischen. Grabsteine erzählen die Geschichte der kleinen Leute und der löblichen Herrschaften, die Geschichte ihres Landes, ihrer Kultur und ihres Glaubens. Diese Erzählungen sind aber nur für kurze Zeit verfügbar. In der Bundesrepublik Deutschland ist das Nutzungsrecht an einer Grabstätte oft auf eine Mindestruhezeit von 15 bis 20 Jahren beschränkt. Auch das tschechische Friedhofsrecht sieht vor, dass Gräber, die nicht mehr gepflegt werden, unter bestimmten Voraussetzungen eingeebnet werden können. Dass Grabsteine aber auch ohne solche Eingriffe mit den Jahren immer weniger erzählen können, zeigen besonders die alten, nicht mehr genutzten Friedhöfe. Dort zerbrechen Grabplatten, versinken die Steine langsam im Boden, verblassen ihre Inschriften und holt sich die Natur in Windeseile zurück, was ihr genommen wurde. Vor dem Efeu sind alle Toten gleich.

Zugegeben, es ist keine romantische Vorstellung, aber um die Erzählungen über unsere verstorbenen Vorfahren zu bewahren, bietet sich das Internet geradezu an. Das Grabsteinprojekt des Vereins für Computergenealogie beispielsweise:

Auf dieser Seite listet der Verein Friedhöfe auf, deren Grabsteine jeweils mit Bildern und Daten erfasst sind. Jeder kann diese Datenbank kostenlos nutzen; sie lässt sich nach Orten und Nachnamen durchsuchen. Mit etwas Glück finden sich so ganz schnell auch Fotos von Grabsteinen der eigenen Vorfahren. Für Ahnenforscher, die den Aufwand und die Kosten einer Reise oder eines Archivbesuchs scheuen, steht dadurch eine wunderbare Nebenquelle zur Verfügung. Zudem wird das Andenken an die Verstorbenen auch nach dem Abräumen der Gräber erleichtert und Kulturgut, wenn auch nur als Fotografie, für die nachfolgenden Generationen bewahrt.

Das öffentliche, nicht kommerzielle Grabstein-Projekt wurde 2007 von einer kleinen Gruppe Ahnen- und Familienforscher ins Leben gerufen; es lebt von ehrenamtlicher Mitarbeit. Die Datenbank ist inzwischen auf eine beachtliche Größe angewachsen. Auch wenn der Schwerpunkt in der Bundesrepublik Deutschland liegt, sind darüber hinaus fast einhundert Friedhöfe in der Tschechischen Republik erfasst – vorwiegend historische Friedhöfe ehemals deutsch besiedelter Ortschaften. Aus Weseritz und Umgebung waren bislang keine Aufnahmen zu finden. Das wollte ich ändern.

Im Frühjahr 2018 verbrachte ich eine Woche in den Orten meiner böhmischen Vorfahren. Mitgenommen habe ich natürlich meine Kamera und zusätzlich noch Arbeitshandschuhe und eine Heckenschere, um zugewachsene Steine vom Efeu zu befreien sowie eine Wurzelbürste und einen robusten Lappen zum Freilegen verwitterter Inschriften. Für jeden Tag nahm ich mir einen Gottesacker vor: den Stadtfriedhof von Weseritz (Bezdružice) sowie den in der Nähe von Rössin (Řešín) befindlichen jüdischen Friedhof, außerdem die Friedhöfe in Tschelief (Čeliv), Witschin (Vidžín), Neumarkt (Úterý) und Böhmisch-Domaschlag (Domaslav). Die Bilder jener Grabsteine, die noch eine lesbare Inschrift aufweisen, sind inzwischen auf den Seiten des Grabstein-Projekts und zusätzlich in voller Auflösung auch auf meiner Homepage (https://sven-mueller.info/) zu finden.

Die fotografische Erfassung und die dafür teilweise erforderlichen Arbeiten – die Säuberung von Inschriften oder das Zurückschneiden der Vegetation – waren einerseits doch ein wenig aufwendiger, als ich dachte. Andererseits habe ich dadurch die Friedhöfe, die ich von früheren Besuchen bereits kannte, auf eine ganz andere, viel intensivere Weise erlebt. Und mir fiel auf, wie sehr sie sich voneinander unterscheiden.

Richtig alt ist der Weseritzer Stadtfriedhof eigentlich nicht. Er liegt am ehemaligen Langen Weg (K Lesu) am Ortsrand und wird von der Stadt Bezdružice heute noch genutzt. Der erste, um die Kirche gelegene Gottesacker war bereits 1828 aufgelassen und der spätere Friedhof 1931 mit dem Bau des Kriegerdenkmals aufgegeben worden. Viele Grabsteine mit deutscher Inschrift finden sich nicht mehr auf dem „neuen“ Friedhof, gerade einmal sieben fotografiere ich. Einige der älteren Grabsteine tragen tschechischsprachige Gedenkplatten, der Rest ist ohnehin jüngeren Datums. Dass die übrigen alten Steine nicht aus Platzgründen weichen mussten, wird deutlich, wenn man den hinteren, überwachsenen Bereich des Friedhofs besucht. An zwei Stellen türmen sich zerstörte Grabsteine, die offenbar nach der Vertreibung der deutschböhmischen Weseritzer an der Friedhofsmauer aufgehäuft wurden. Am zentralen Friedhofskreuz wurde im Jahre 2002 anlässlich des Florianifests eine aus Spenden finanzierte Gedächtnistafel angebracht: „Zum Gedenken an die ehemaligen deutschen Bewohner der Pfarrei Weseritz, die auf diesem Friedhof bis zum Jahre 1946 ihre ewige Ruhe fanden. Errichtet im Jahre 2002 von den in aller Welt verstreuten Nachkommen.“ Beeindruckend ist die gut erhaltene Skulptur einer weinenden Frau, die unweit des Kreuzes steht. Sie ziert das Grab der Antonia Fritsch, die hier im Jahre 1914 zur Ruhe gelegt wurde. Mein Urgroßvater, Josef Holdschick, war der Letzte aus meiner Familie, der hier beigesetzt wurde. Er starb im Alter von 87 Jahren, drei Wochen bevor seine Nachkommen in den Güterzug gen Westen gezwungen wurden. Sein Grab existiert nicht mehr.

Friedhof in Weseritz

Die letzte Bestattung auf dem jüdischen Friedhof in Weseritz fand im Jahre 1935 statt. Das jüdische Leben in der Stadt endete mit der Annexion des Sudetenlandes durch das Deutsche Reich. Viele Juden flüchteten vor den Nationalsozialisten in den noch freien Teil der Tschechoslowakei. Wer sich nicht rechtzeitig in Sicherheit brachte, wurde bald aber auch dort gnadenlos verfolgt, in Vernichtungslager deportiert und ermordet. Das traurige Ende, aber auch die Anfänge und die guten Jahre der jüdischen Gemeinde haben Ingild Janda-Busl und Franz Busl in dem Jahre 2006 erschienen Buch „Die Geschichte der jüdischen Gemeinde in Weseritz/Bezdružice“ sehr detailliert dokumentiert. Es heißt darin, dass ein Rössiner während der Zeit, in der die Schändung jüdischer Friedhöfe an der Tagesordnung war, Grabsteine des Weseritzer Judenfriedhofs für den Mauerbau geholt und sich dann aus Gewissensbissen erhängt haben soll. Lange lag der Friedhof – oder was davon übrig geblieben war – schwer zugänglich in einem Wald bei Rössin verborgen. Nur oben vom Schlossberg aus ließ sich die Lage des Friedhofs gut erkennen – an den im Vergleich zur Umgebung unterschiedlichen Baumarten. Die Umfriedung war bereits eingefallen und viele Grabsteine umgeworfen oder zerstört, als die Aktion Sühnezeichen-Friedensdienste dem Friedhof ein Stück seiner Würde zurückgab. Nachdem die Stadtverwaltung die aufgrund eines schweren Sturms eingestürzten Bäume abgeräumt hatte, machten sich in den Jahren 2010 und 2011 die Teilnehmer des internationalen Freiwilligendienstes in vier Ü40-Sommerlager daran, die restlichen Pappeln zu fällen, Grabsteine aus vielen Einzelteilen zusammenzusetzen, wieder aufzurichten und zu reinigen. Auch die Fundamente der Leichenhalle haben sie gut sichtbar freigelegt. Dutzende der für den Mauerbau verwendeten Steine und Fragmente waren wenige Jahre zuvor aus Rössin zurückgebracht worden und lehnen nun an der Friedhofsmauer. Haus des Lebens.

Jüdischer Friedhof in Weseritz

Die Kapelle direkt gegenüber dem Neumarkter Gemeindefriedhof ist dem Heiligen Wenzel geweiht. Über ihrem Portal befinden sich das Wappen und die Initialen des Abtes von Tepl. Zumindest von außen wirkt sie ordentlich. An einer gut sichtbaren, zentralen Stelle haben ehemalige Neumarkter im Jahre 1994, einhundert Jahre nach Errichtung des Friedhofs, eine zweisprachige Gedenktafel eingeweiht: „1894 – 1994 Wir gedenken unserer Toten. Herr bei Dir ist Heimat. Gerichtet von den in Deutschland lebenden Nachkommen.“ Sie ziert den Sockel des restaurierten, großen Friedhofskreuzes. Sieben Jahre später wurde an der hinteren Friedhofsmauer, dort, wo heute die meisten alten Grabsteine zu finden sind, eine deutschsprachige Gedenktafel errichtet: „Zum Gedenken an die verstorbenen ehemaligen Bewohner des Kirchsprengels Neumarkt“. Manche Grabsteine sind erstaunlich gut erhalten und wirken gepflegt, andere lehnen vergessen und verlassen an der Friedhofsmauer. Als ich Anfang Mai meine Fotos schieße, kriecht aus dem Wald ein kühles Lüftchen herauf, die Abendsonne zaubert aber bereits eine Vorahnung des langen Sommers auf die warme, von dichtem Moos bewachsene Mauer. Ich finde noch ein verwittertes Holdschick-Grab, weiß aber nicht, ob und in welcher Weise die dort Beigesetzten mit dem Weseritzer Zweig der Familie verwandt waren.

Friedhof in Neumarkt

Das Dörfchen Witschin gehört heute zur Stadt Neumarkt. Unten am Neumarkter Bach standen die Holdschick-Häuseln und die Holdschicken-Mühle. Mein Urahn, Urban Holdschick, soll dort am 9. Februar 1654 gestorben sein. Die Mühle, deren noch sichtbaren Mauerreste im Sommer von Brennnesseln überwachsen sind, war möglicherweise der Ursprung der Holdschicks im Weseritzer Ländchen. Grund genug, den Friedhof zu besuchen, obwohl mir natürlich klar ist, dass derart alte Gräber dort nicht mehr zu finden sein werden. Das eiserne Friedhofstor steht offen, auf der anderen Straßenseite bereiten die Betreiber einer Biker-Kneipe den Garten für den Sommer vor. Noch aber sind keine Motorräder zu sehen und auch nicht zu hören. Es ist still auf dem Friedhof, der seit der Vertreibung nicht mehr belegt wird. Bei meinem ersten Besuch vor fünfzehn Jahren wucherten noch Rainfarn, Himbeerbüsche und Weideröschen. Die dichte Vegetation machte damals ein Durchkommen fast unmöglich. Verwahrlost war kein Ausdruck, aber Verfall und Nostalgie liegen manchmal nahe beieinander. Inzwischen ist der Friedhof gerodet und wieder gut begehbar. Seine Patina hat er sich freilich bewahrt. Narzissen blühen zwischen den notdürftig wieder aufgestellten Grabsteinen. Die meisten Grabplatten sind zerborsten und die Schrift auf den noch intakten Steinen ist oft nicht mehr lesbar. Befremdlich wirkt die kleine Mittelallee aus viel zu eng gepflanzten und inzwischen übergroßen Thujen, an deren Ende das Friedhofskreuz steht. Moos kriecht in die Ritzen der umgefallenen Steine. Auch hier finde ich noch eine Erinnerung an verstorbene Holdschicks.

Friedhof in Witschin

Wer mit dem Auto unterwegs ist, muss aufpassen, am Kokaschitzer Friedhof in Tschelief nicht vorbeizufahren. Er liegt unmittelbar am Weg nach Kokaschitz (Kokašice), ist sehr aufgeräumt und beherbergt nur noch wenige alte Grabsteine mit deutscher Inschrift. Auch hier ist das zentrale Friedhofskreuz noch erhalten. An der Mauer zur Straße hin befindet sich ein Gedenkstein mit Kruzifix, der an eine Grabschändung auf dem nahe gelegenen Schwanberg erinnert. Die Übersetzung der Inschrift lautet in etwa: „Hier liegen die Überreste derer von Schwanberg, die 1964 aus den verwüsteten Gräbern auf der Burg Schwanberg überführt wurden. Sie mögen ruhen in Frieden.“

Friedhof in Tschelief

Recht gut erhalten ist der Friedhof in Böhmisch-Domaschlag. Zwar liegen die Erhaltungs- und Pflegearbeiten, die der Verein o. s. Domaslav in Kooperation mit einem Sommerlager der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste e. V. initiiert hat, bereits fast zehn Jahre zurück. Doch hat sich in der Zwischenzeit auch die Gemeinde um den Friedhof gekümmert und beispielsweise das verfallene Leichenhaus wieder aufgebaut. Die Fotos von den Aufräumarbeiten auf der Homepage des Vereins o. s. Domaslav – der sich seit 2006 engagiert um die Renovierung der Jakobskirche und des Pfarrhauses bemüht – lassen erahnen, welch dichtes Gestrüpp sich zuvor zwischen den Grabsteinen ausgebreitet hatte. Auf dem zentralen Gefallenendenkmal ist die Inschrift nachgezeichnet worden und erinnert im hundertsten Jahr nach dem Ende des Ersten Weltkriegs an die Gefallenen aus Böhmisch Domaschlag, Millikau (Milkov), Saduba (Zádub) und Lohm (Lomy). Interessant ist, dass die Soldaten alle an der Ostfront, auf dem Balkan, in Italien oder in Ungarn starben – in Regionen also, die im aktuellen Weltkriegsgedenken zumindest in der Bundesrepublik Deutschland kaum wahrgenommen werden.

Friedhof in Böhmisch Domaschlag

Der Aufenthalt auf den Friedhöfen hat mich den Orten und der Region noch einmal näher gebracht. Im nächsten Jahr möchte ich weitere Friedhöfe im Weseritzer Ländchen oder in der Umgebung besuchen und dort wieder für das Grabsteinprojekt fotografieren. Schön wäre es, wenn mein Artikel einige Leserinnen und Leser motivieren könnte, in den eigenen Herkunftsorten das Gleiche zu tun. Im Internetangebot des Grabstein-Projekts steht eine ausführliche Anleitung bereit, was beim Fotografieren zu beachten ist und in welcher Weise die Bilder auf die Plattform gelangen. Wer möchte, kann mich gerne anschreiben, ich freue mich über Rückmeldungen.

Der Beitrag ist im Heimatbrief für die Bezirke Plan-Weseritz und Tepl-Petschau, Februar 2019, erschienen.

Dorfmuseum in Harlosee eröffnet

Am 1. Mai 2018 lud der Verein der Freunde Kryštof Harants von Weseritz und Polschitz zur Eröffnung des Dorfmuseums in Harlosee, dem heutigen Horní Polžice. Mit einer kurzweiligen Ansprache eröffnete die Vorsitzende des Vereins, Šárka Sušírová, das Museum. Weseritz, zu dem das Örtchen Harlosee inzwischen gehört, ist seitdem um eine Sehenswürdigkeit reicher.

Um die Exponate unterzubringen, hat der Verein das ehemalige Feuerwehrhäuschen hergerichtet. Es bietet den Besuchern Fotografien aus vergangenen Zeiten, aber auch Alltagsgegenstände, die bisher auf Dachböden oder in Scheunen ihr unbeachtetes Dasein fristeten. So hängt beispielsweise gleich neben dem Foto aus dem früheren Backhaus der dort abgebildete Brotschieber. Andere Fotografien zeigen ehemalige deutsche Bewohner vor ihren Häusern – Bilder mit Ansichten aus aktuellen Tagen schlagen die Brücke in die Gegenwart. Ein paar alte Skier sind zu sehen, landwirtschaftliche Geräte, Geschirr, eine Truhe, ein Rundfunkempfänger aus der Nachkriegszeit und, und, und.

Natürlich wollten die vielen Gäste das Museum zur Eröffnung auch gleich besichtigen. Allerdings: viel Platz gibt es in dem kleinen Häuschen nicht. Es wurde zeitweise recht eng. Sorgenkind sind das Dach und der nächste Winter. Das Gebäude, das lange offen stand, hat der Verein schließlich im Originalzustand belassen, also nicht renoviert. Es ist zu hoffen, dass die Feuchtigkeit den Exponaten nicht zusetzt.

Der größte Teil der Fotos und Informationen in dem Dorfmuseum stammt von Gustav Černý, den Ingrid Fröhlich in ihrem Bericht vom diesjährigen Floriani-Fest (Juli-Ausgabe des Heimatbriefs) völlig zu recht als rührig beschrieben hat. Tatsächlich ist es sein großes Verdienst, zwischen Tschechen und Deutschen, zwischen ehemaligen und heutigen Einwohnern eine Brücke zu schlagen. Wer ihn kennen lernt, spürt das sofort. Jiří Bízek aus Weseritz hat die Fotoausstellung vorbereitet und die Übersetzungen einiger Texte aus der Chronik stammen von Václav Kalista, der leider wenige Wochen vor der Eröffnung des Museums verstorben ist. Das Projekt wurde unterstützt von der Weseritzer Stadtverwaltung und einem privaten Wasserversorger der Region. Der Tschechische Rundfunk und die Lokalzeitung (Tachovský deník) haben über das Ereignis berichtet.

Während der Veranstaltung lud der Verein zu Häppchen und Getränken; anschließend kam, wer wollte, mit auf eine geführte Wanderung nach Schwanberg, um dort regionale Köstlichkeiten auf dem inzwischen von einem engagierten Familienunternehmen geführten Dvůr Krasíkov zu probieren. Bevor die Wandergruppe aufbrach, stellten sich die zahlreich anwesenden Einwohner von Harlosee vor dem Museum zum Gruppenfoto auf. Die erste Aufnahme dieser Art seit 1936, hieß es scherzhaft, obwohl das wahrscheinlich sogar zutrifft.

Harlosee bildete früher zusammen mit Pollschitz eine Gemeinde. Es war der einzige der heute zur Stadt Weseritz (Bezdružice) gehörende Ort, für den es ausschließlich eine deutsche, aber keine tschechische Bezeichnung gab. Nach dem Zweiten Weltkrieg und der Vertreibung der deutschsprachigen Einwohner wurde aus Pollschitz (Polžice) Dolní Polžice und aus Harlosee Horní Polžice. Lebten 1930 noch 112 Personen in Harlosee, wurden vor fünf Jahren in Horní Polžice nur noch 27 Seelen gezählt.

Bemerkenswert ist, dass der Verein dem Dorfmuseum auch in der tschechischen Sprache den deutschen Ortsnamen gegeben hat: Vesnické muzeum HARLOSEE. Das zeigt, das es inzwischen möglich ist, die Kultur der Region zu bewahren und ihr gleichzeitig in der Gegenwart einen angemessenen Platz zu sichern. Dem Verein gebührt große Anerkennung für seine Arbeit.

Für Wanderer, die auf den bestens ausgeschilderten Wegen im Weseritzer Ländchen unterwegs sind, bestimmt auch für die immer häufiger anzutreffenden Radfahrer, ist das Museum ein schöner Anlaufpunkt. Es ist während der Saison geöffnet; der Eintritt ist kostenfrei. Informationen über die Freunde von Kryštof Harant gibt es auf Facebook (Spolek přátel Kryštofa Haranta z Polžic a Bezdružic auf Facebook).

Der Beitrag ist im Heimatbrief für die Bezirke Plan-Weseritz und Tepl-Petschau, September 2018, erschienen.

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